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SKB Rheinstetten


Der Arbeitersport - Anfänge und Entwicklung "Die Sportvereine sind der Kitt unserer Gesellschaft", sprach ein deutscher Ministerpräsident bei der 100-Jahrfeier eines Turnvereins. Sie verbinden soziale Schichten, gehen über politische Grenzen hinweg und bringen Menschen aller Hautfarben zueinander. Heute sind die Sportvereine mehr denn je gefragt. Ihre Aufgaben sind breit gefächert. Vom Breiten- bis zum Leistungssport, von der Betreuung der Jugend bis zu den Senioren, für Spiel und Freizeit reicht heute ihr Angebot. Sie haben vielfach einen langen Weg hinter sich, von ihren Anfängen, über politische Wirren hinweg, bis heute ins Jahr 2000. Hundert Jahre Bestehen "TV Mörsch 1900 e.V." ist somit auch ein Anlass, über die Entwicklung der Vereine zu berichten.

Die Entwicklung des Sports in Deutschland verlief auf zwei völlig getrennten Gleisen. Um zu erfahren, wie sich die Turn- und Sportbewegung in Mörsch entwickelte, müssen wir uns einige Jahrzehnte zurückversetzen.

Bis zu den Revolutionsjahren 1848/49 wurden bereits Turnvereine gegründet. So besteht beispielsweise der KTV ( Karlsruher Turnverein ) bereits seit 1846. Die Mitglieder dieser Vereine stammten meistens aus den Mittelschichten der damaligen Gesellschaft. Die Vereine jener Zeit bekannten sich in dieser Epoche zu den revolutionär geltenden Farben "Schwarz-Rot-Gold" . Sie waren somit kaisertreu. Für die Demokraten konnte es nicht das Ziel sein, dem Kaiser gut ausgebildete junge, vom Sport gestählte Männer, als gute Soldaten zu empfehlen.

Das Turnen, als Ausdruck gesellschaftlichen Freiheitsstrebens, wurde noch auf einer anderen Ebene gepflegt. Es entstanden die sogenannten Arbeiterprogramme, die nicht nur den Sport als Inhalt hatten. Hierzu gehörten auch die Arbeitergesangvereine, z.B. der "Bruderbund" Mörsch oder der Gesangverein "Freiheit" Forchheim. Das Klassenbewusstsein verstärkte sich. Damit verbot sich den Arbeitervereinen die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Turnerbund. Die Mitglieder im DT waren nicht bereit, in ihren Reihen Sozialdemokraten aufzunehmen. Somit war die Zweigleisigkeit vorgezeichnet.

Im Jahre 1893 wurde in Gera der "Arbeiter-Turnerbund" gegründet. Gleichzeitig entstanden weitere Arbeitervereine, die sich anderen Sportarten annahmen, so in Mörsch der Radfahrer- u. Kraftfahrverein "Solidarität" . Die Turner behielten zunächst das Emblem mit den vier "F" bei. Das Motto lautete: "Frisch, fromm, fröhlich, frei". Den Jahn'schen Gruß "Gut Heil" hat man auch noch kurze Zeit benützt. Im Jahr 1899 wurde in Nürnberg der Gruß " Frei Heil " als verbindlich für alle Arbeiterturnvereine erklärt. Das Emblem mit den vier "F" existierte bis in das Jahr 1907. Danach wurde ein neues Zeichen mit zwei "F", einem "S" und einem "T" kreiert: "frisch, frei, stark, treu". Dieses Motto ist auch im Wappen des TV Mörsch enthalten. Aus dem "Arbeiter-Turnerbund" wurde 1908 der Arbeiter- Turn- u. Sportbund", abgekürzt "ATSB". Bis zum Jahr 1933 bauten die Vereine des "ATSB" viele Sportstätten, Turnhallen und Vereinsheime.

 

Nun zur Geschichte des TV Mörsch.
Im Jahr 1900 trafen sich im Gasthaus "Löwen" (im 2. Weltkrieg zerstört, heute Rheinaustraße 46) einige junge Männer, um einen Turnverein zu gründen. Dessen Name sollte "Turnverein Aline" sein. Als 1. Vorstand wurde Eduard Merkler gewählt. Emil Huber war der 1. Turnwart. Im Jahre 1902 fand das erste große Turnfest statt. Die Sportanlage war damals in der Rosenstraße ( heute Frankenstraße). Alle Gründungsmitglieder und Sportler kamen aus dem Arbeiterbereich. So war es naheliegend, sich dem "Arbeiter- Turn- u. Sportbund" anzuschließen. Der Name des Vereins wurde geändert in: "Freie Turnerschaft Mörsch".


Es war üblich, dass jeder Verein eine eigene Fahne hatte. So wurde also auch bei der "Freien Turnerschaft Mörsch" 1911 eine Fahnenweihe durchgeführt.
Überspringen wir die Jahre und wenden uns dem schmerzlichsten Kapitel der "Freien Turnerschaft Mörsch" zu.
Wie alle Arbeitervereine, wurde auch die "Freie Turnerschaft Mörsch" 1933 verboten. Das gleiche Schicksal erlitten: Gesangverein "Bruderbund Mörsch", "Solidarität Mörsch", "Freie Turner Forchheim", Gesangverein "Freiheit Forchheim" und die "Freie Spiel- und Sportvereinigung Karlsruhe". Die Vermögen der Vereine wurden entschädigungslos eingezogen, so auch das Vermögen der "Freien Turnerschaft Mörsch". Das 1929 erstellte Volkshaus wurde ebenfalls als marxistisches Vermögen konfisziert.

Die Wiedergründung unter dem Namen "Turnverein Mörsch 1900 e.V. (ehem. Freie Turnerschaft)" erfolgte 1946 im Gasthaus "Zum Bahnhof". 1.Vorstand war Wilhelm Deck, der ein Jahr lang den Verein leitete. Ab 1947 war Linus Ball 1.Vorstand des Vereins. Die Wiedergutmachung und Rückgabe des Sportplatzes und des Volkshauses zog sich ca. 12 Jahre hin.

Zurück nochmals auf die zweigleisige Turn- und Sportbewegung bis 1933. In den Jahren zwischen 1950 und 1960 gab es Bestrebungen im Turnkreis Karlsruhe, wieder einen Arbeiter-Turnerbund zu gründen. Die damalige Vereinsführung, einige Sportfreunde und ich waren uns einig, dass wir dies nicht mehr wollten. Eine Zweigleisigkeit musste ausgeschlossen bleiben, daher führten wir Gespräche mit den "Freien Turnern Forchheim" und der "Freien Spiel- und Sportvereinigung Karlsruhe". Durch eine gemeinsame Haltung konnten wir verhindern, dass es zu einer Spaltung kam.

Der TV Mörsch entschloss sich, nach Abschluss der Wiedergutmachung und der Rückgabe des Volkshauses, den Namen des Vereins zu kürzen. Der Zusatz in Klammern "ehem. Freie Turnerschaft" war nicht mehr notwendig. Im Vereinswappen sollten jedoch die zwei "F", das "S" und das "T" für "frisch, frei, stark, treu" stehen bleiben. Dieses Wappen, das uns im Verein heute überall begleitet, entstand unter meiner Vereinsführung um 1969.

Mit diesem kleinen historischen Rückblick sei allen Mitgliedern in Erinnerung gebracht, dass unser Verein aus der demokratischen Arbeiterbewegung heraus entstanden ist. Der Verein hat sich, nach 100 Jahren, zu einem modernen Sportverein mit vielen Abteilungen entwickelt. Der Turnverein ist heute die Nummer 1 in Rheinstetten mit über 1500 Mitgliedern.

Seien wir ein bisschen stolz darauf, was wir alle in den letzten Jahren geleistet haben. Unserer Jugend möchte ich den Rat geben, die Chancen und die Möglichkeiten, die der Verein bietet, auch zu nützen. Schützt unsere Sportanlagen und Gebäude, denn sie gehören uns allen.

Allen Mitgliedern, Sportlerinnen und Sportlern des TV Mörsch wünsche ich für die nächsten 100 Jahre alles Gute und im alten demokratischen Sinn "Frei Heil".

Wilhelm Kassel